Pflaster
- Christinalou
- 21. Aug. 2023
- 4 Min. Lesezeit
Ich mag streiten nicht
Wirklich, es belastet mich immens und dennoch gibt es Teile in mir die es provozieren
Heute war wieder so eine Situation
Ich sag du bist Schuld , schuld an allem
Dabei meine ich es nicht so
Dann tut es mir leid, ich schäme mich, entschuldige mich, mache mich selbst zur Schnecke wie ich so toxisch sein kann, wie ich dir absichtlich weh tun kann
Eine Endlosschleife beginnt
Aber ich will das nicht mehr
Ich will dir nicht mehr weh tun und mir auch nicht
In "weil Worte wirken" einem Buch über gewaltfreie Kommunikation geben sie dir Tipps an die Hand einen friedlichen Umgang mit anderen aber zu allererst mit dir selbst zu finden
Eine Übung hat mich am meisten angesprochen und ich möchte sie kurz auf eine beispielhafte Situation anwenden.
Es ist Sonntag, wir haben geplant heute den Tag zusammen zu verbringen und essen zu gehen
Ich fühle mich nicht wirklich danach, bin etwas gekränkt, dass du so lange unterwegs warst und so nie viel Zeit für mich - für uns bleibt
Ich möchte nicht essen gehen, kann es aber auch nicht sagen, ich druckse rum und will meine Entscheidung auf dich schieben
Ein Streit entsteht
Wir schreien uns an
Machen uns Vorwürfe
Tun uns weh
Ich ziehe mich in ein anderes Zimmer zurück
Ich bin so wütend, warum bist du so?
Ich schnaube, weil ich gelesen habe, dass das Stress abbaut
Ich mache ein paar bewusste Atemzüge
Versuche zu mir zu finden
Es geht hierbei nur um mich
Du warst lediglich ein Statist in meiner Trigger-Tragödie
Wie eine Mediatorin versuche ich mir die Situation sachlich von meinem verletzen ich erklären zu lassen
Was ist passiert? Was hat dir weh getan? Erzähl mir davon
Ich sage mir selbst "es ist okay, deine Bedürfnisse zu äußern. Es ist okay zu sagen, was du möchtest und brauchst. Es ist wichtig"
Und da kommen sie schon die ersten Tränen
Ich setzte mich sinnbildlich zu meinem verletzten Anteil
Streichel meinen Rücken und frag was denn los ist
Erinnerungen kommen hoch, vieles was ich nie zugeordnet habe
Situationen in denen es nicht wichtig war, nicht gesehen oder bewusst übergangen wurde was ich wollte
Spiel dich nicht so auf, du übertreibst, sei nicht so Sensibel, reiß dich zusammen
Sätze die man nicht sagen sollte, wenn ein Kind (oder ein Erwachsener) seine Bedürfnisse artikuliert
Ich gebe mir selbst Mitgefühl
Mitgefühl dafür, dass ich mir antrainiert habe darauf zu warten oder darum zu bitten, dass meine Bedürfnisse von anderen erfüllt werden, weil ich sie selbst nicht erfüllen durfte
Mitgefühl dafür, dass in solchen Situationen Erlebtes getriggert wird und ich logischerweise wieder in kindliche Muster falle
Somit nicht mehr logisch denke, sondern ich mich von meinen Emotionen überrollen und sie für mich artikulieren lasse
Jetzt tut mir auch mein Partner leid, woher soll er denn wissen, was ich brauche?
Warum muss er die Fehler meiner Vergangenheit ausbaden und bekommt dazu noch sämtlichen Schmerz ab dem ich damals nicht Luft machen durfte
Dabei hat er sogar gefragt was ich möchte
Sch-sch alles gut kleine Maus, du bist in Sicherheit, es ist okay, wirklich
Mein Kissen ist jetzt komplett nass aber mein Herzschlag ist wieder ruhiger geworden
Ich sammle mich
Verlasse meinen sicheren Raum und gehe zu meinem Partner
Ich frage ihn, ob ich mich zu ihm setzen darf
Ich sage, dass es mir leid tut, dass ich ihm weh getan hab, Dinge gesagt habe
Ich frage ihn, ob es für ihn in Ordnung wäre, wenn ich ihm erkläre was diese Situation in mir getriggert hat
Er stimmt zu
Ich beginne zu erzählen und Weine direkt wieder los
Wo kommt dieser Schmerz her? Hat mir das wirklich so weh getan?
Er nimmt mich in den Arm
Wir halten uns
Wir halten das aus
Halten es aus alte Pflaster runter zu reißen
Ziehen sie gemeinsam mit einem Ruck ab
Wunden die seit Jahren, Jahrzehnten schon reiben, uns immer wieder langsamer gehen lassen, Schmerzen bereiten
Wunden die jetzt an der frischen Luft heilen dürfen
Weil sie gesehen wurden, weil wir gemeinsam hinsehen konnten
Manchmal braucht es mehrere Anläufe
Manchmal kommt der Schmerz nach Jahren wieder
Aber das ist okay, das ist Teil der Reise
Danke, dass du mir beim abziehen hilfst
Danke, dass wir gemeinsam heilen dürfen
In dem Buch nennen sie diese Technik "Selbstempathie"
Hierfür wird empfohlen, sich an einen ruhigen Ort zurückzuziehen und an eine Interaktion zu denken, mit der man sich schwer getan hat.
Nun schreib einen selbst-empathischen Satz auf.
Danach gehst du die Situation nochmal konkret durch und überlegst dir, welches Bedürfnis hier wohl unbefriedigt war.
Wenn es dir schwer fällt, lass das Blatt ruhig einige Zeit liegen, bis du dir im Klaren bist, was du gebraucht hättest.
Sobald ich mich in der Situation besser verstehe, sollte eine gewisse Neugierde in mir entstehen, was die andere Person wohl gebraucht hätte.
Hier setzte an und suche im besten Fall den Austausch mit besagter Person.
Oft reicht es aber auch die Situation distanziert und empathisch betrachten zu können.
Diese Technik lässt sich auch direkt in Diskussionen anwenden, indem ich mein Gegenüber um eine kurze Auszeit bitte und mich im besten Fall in einen extra Raum zurück ziehe.
Dort gehe ich die oben genannten Schritte durch, wenn kein Zettel und Stift vorhanden sind, lässt sich diese Selbstempathie auch rein im Geiste durchführen.
Natürlich ist diese Übung und alles rundherum im Buch wesentlich ausführlicher und besser beschrieben.
Aber vielleicht dient meine kurze Einführung als Ansporn sich etwas mit dem Thema zu befassen ❤️
Für alle die nie eine anständige Streitkultur gelernt haben (was meiner Einschätzung nach der Großteil ist) es lohnt sich, gerade als Liebespaar, Streit Situation im Nachhinein anzusehen und darüber zu reflektieren warum die beide Seiten wohl gehandelt haben, wie sie es nun Mal haben und was es gebraucht hätte um nicht in kindliche Muster zu fallen.
Mir hat hier die Paartherapie hierfür immens geholfen aber es tut sicher auch einiges mit Partner:in oder Vertrauensperson besagte Situation im Nachhinein ganz nüchtern durch zu gehen und Muster zu entdecken
Wenn ihr eure Muster kennt, könnt ihr euch gegenseitig besser helfen diese zu umgehen oder neue Muster zu erlernen
So oder so viel Spaß beim Erkunden ❤️
Und wie meine Oma immer sagt "man darf sich anschreien, man darf bös aufeinander sein aber, wenn etwas Zeit vergangen ist muss man sich hinsetzen und miteinander reden können"
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